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Rafael Arto-Haumacher

Inszenierte Natürlichkeit

  • Tanja Reinlein: Der Brief als Medium der Empfindsamkeit. Erschriebene Identitäten und Inszenierungspotentiale (Epistemata 455) Würzburg: Königshausen & Neumann 2003. 267 S. Kart. EUR (D) 39,50.
    ISBN 3-8260-25164.


Briefkultur
als inter- und multidisziplinäres Phänomen

Die Untersuchung der Briefkultur des 18. Jahrhunderts findet nach wie vor das ungebrochene Interesse der germanistischen Forschung. Läßt sich doch am Phänomen der aufkeimenden Briefleidenschaft in der >Schwellenepoche< – historisch durch die Metamorphose der feudalistischen zur bürgerlichen Gesellschaft gekennzeichnet – vieles offenlegen, was literatur-, sozial-, kultur-, ideen-, geistes- oder mentalitätsgeschichtlich relevant ist. Als Schlagworte – ungeordnet und quer durch alle Disziplinen – seien hier genannt: Alphabetisierung, Literarisierung, Etablierung eines bürgerlichen Wertekanons, geschlechterspezifische Rollenzuschreibungen, Literaturrezeption, Literatur und Alltag, Entstehung einer Öffentlichkeit, Herausbildung der Geschmackskategorie, Natürlichkeitspostulat, Freundschaftsdiskurs, Gemeinschaftsbildung, Bildungsdiskurse.

Die Reihe ließe sich problemlos um weitere Schlagworte fortsetzen: Es deutet sich an, daß durch jeweils unterschiedliche methodische Zugriffe bei der Untersuchung der Briefkultur, zumeist mit interdisziplinärem Blickwinkel, immer wieder neue Facetten freigelegt werden bzw. bekannte Facetten stärker herausgeschält werden. Dadurch gewinnen die komplexen Strukturen der Briefkultur im 18. Jahrhundert immer neue Konturen, wodurch die Bewertung des Phänomens wiederum neue Impulse erhält.

Medien- und kulturwissenschaftlicher Zugriff

Dies gilt auch für die vorliegende Untersuchung von Tanja Reinlein. Abweichend von bisherigen Forschungsansätzen, begreift die Verfasserin die von ihr untersuchten Briefcorpora weniger als Quelle biografischer, alltagsgeschichtlicher oder literaturrezeptionistischer Details. Sie untersucht die Briefe unter einem "medien- und kulturwissenschaftlichen Ansatz" (S. 9), der Briefe vorwiegend als "literarische Texte" (S. 9) begreift und damit in erster Linie an den im Brief angelegten "Inszenierungspotentialen und die in ihnen konzeptualisierten Identitäten" (S. 9) interessiert ist. Grundsätzlich greift Reinlein hier auf neuere Erkenntnisse der Medien- und Kulturwissenschaften zurück und überträgt dortige methodische Zugriffe auf ihr Forschungsvorhaben:

  1. Medien- und kommunikationswissenschaftlich gesehen, geht Reinlein von der Untrennbarkeit von Medium und Botschaft aus. Die Beschaffenheit des Mediums – im vorliegenden Fall des Briefes – und der Umgang damit haben demzufolge Einfluß auf die Botschaft, bestimmen sie geradezu. Auch macht erst die Verständigung zwischen Sender und Empfänger über die Codierung der Botschaft eben diese Botschaft wirksam. Kultur und mediengestützte Kommunikation beeinflussen sich wechselseitig; es kommt zu "einer revolutionären Veränderung menschlicher Interaktionsmuster durch das Medium Schrift" (S. 25). 1 Wirklichkeit wird durch Medien konstruiert, insofern wird der Akt der Weltaneignung determiniert (vgl. S. 30–32).
  2. Anders ausgedrückt – und hier entlehnt Reinlein Erkenntnisse aus den Kulturwissenschaften –, wird im Medium Wirklichkeit inszeniert, denn "Medien selbst eröffnen Inszenierungspotentiale" (S. 37). Inszenierung, ein Begriff aus den Theaterwissenschaften, gilt als Kulturtechnik, ja als Kulturcharakteristikum, und zielt keinesfalls auf >Scheinhaftigkeit<: Das, was zur Erscheinung gebracht und von anderen wahrgenommen werden soll, müsse "immer schon einer bestimmten Anordnung unterliegen [...], um als das zu erscheinen, als das es erscheint" (S. 36).
  3. Auch das Konzept der >Performativität< entlehnt Reinlein aus den Kulturwissenschaften: "Wenn kulturelle Konzepte nicht als feste Schemata, sondern zuvörderst als und in Handlungen wahrgenommen werden, dann muß auch (personale) Identität in ihrer Handlungsorientiertheit begriffen werden. Nicht mehr die Akkumulation von Charaktereigenschaften, sondern der performative Akt der Darstellung konstituieren das, was als Identität einer Person wahrgenommen werden kann" (S. 39).

Zusammenhang von Schrift und Identität

Mit Hilfe dieses methodischen Zugriffs beobachtet Reinlein, wie die Briefschreiber das Medium Brief dazu nutzen – der Empfindsamkeitsdiskurs und die Emanzipation des Brief vom kanzlistisch-formalen Korsett bilden hierzu wichtige Voraussetzungen (vgl. S. 43–58; 59–77) –, sich Identitäten zu erschreiben und das eigene Selbst zu inszenieren. Gleichsam wie der Romanautor seine Figuren formt und ihnen Identitäten verleiht, formt der Briefschreiber im Brief die eigene Identität, die nicht zwangsläufig mit der realen Identität übereinstimmen muß (aber an sie angelehnt ist) und gelangt so zu einer vielgestaltigen Fiktionalisierung des eigenen Ich, je nach eigener Disposition und je nach Akzeptanz der Briefschreiber hinsichtlich des jeweiligen Kommunikationscodes. Insofern rekonstruiert Reinleins Untersuchung "in erster Linie die Interaktion, die kommunikativen Strategien zur Herstellung eines gemeinsamen Kommunikationscodes" (S. 49), welcher das Fundament dafür schafft, im Schreiben Identität zu erlangen.

Der Briefschreiber inszeniert sich, indem er die literarischen Möglichkeiten des Briefs und die gesamte Variationsbreite von Sprache und Schrift – gerade auch in der besonderen Kommunikationssituation, bei der der Adressat zwar körperlich abwesend ist, jedoch in seiner "Korrektivfunktion" (S. 54) die briefliche Äußerung mit bestimmt – auslotet, um sich selbst als Person in Szene zu setzen. Es sind letztlich diese "Gesten der Performativität, nicht der Inhalt der Briefe [...] der Untersuchungsgegenstand" (S. 9) der Arbeit, formuliert Reinlein plakativ, aber durchaus unzutreffend: Die Inhalte der Briefe besitzen trotz der gewählten methodischen Verfahren natürlich immer wieder Relevanz für Ihren Untersuchungsgang, ausdrücklich beispielsweise für die Gottsched-von Runckel-Korrespondenz formuliert: "Von besonderem Interesse sind in diesem Briefwechsel auch die Inhalte" (S. 12). Gerade in der Beobachtung der Inszenierungsverfahren unter Rückbindung an die jeweiligen Dispositionen der Briefpartner, die auch die brieflichen Inhalte bestimmen, liegt der Reiz des Untersuchungsvorhabens.

Untersuchte Briefcorpora

Reinlein untersucht Korrespondenzen, die den Zeitraum von 1730 bis 1791 umfassen. Im einzelnen sind dies der Briefwechsel von Louise Adelgunde Victorie Gottsched mit Johann Christoph Gottsched, wobei ebenso Briefe an ihre Freundin Dorothea Henriette von Runckel mit einbezogen werden, der Briefwechsel zwischen Anna Louisa Karsch und Johann Wilhelm Ludwig Gleim, die Schreiben zwischen Christian Fürchtegott Gellert und Christiane Caroline Lucius sowie die Briefe zwischen Meta Moller und ihrem späteren Gatten Friedrich Gottlieb Klopstock. Das Hauptaugenmerk liegt also auf Briefwechseln von Dichtern, allesamt anerkannte Koryphäen des Literaturbetriebs, mit Korrespondenzpartnerinnen, die aus ihrer tradierten Rollenzuschreibung heraus den brieflichen Austausch suchen. Damit sind grundsätzlich die unterschiedlichen Ebenen der Briefpartner festgelegt, wobei dies letztlich auch für Anna Louisa Karsch gilt, denn sie kommuniziert nicht von Dichterin zu Dichter, ihre Dichtkunst gilt als ungeschliffen, unverbildet und exotisch, nicht jedoch als literarisch hochwertig.

Insgesamt ist die Konzentration von Reinlein auf Korrespondenzen, die von den Rollen der Schreiber her gleichartig sind, auffällig, zumal die Auswahlkriterien nicht näher erläutert werden. Die Verfasserin begründet die Auswahl der Briefcorpora knapp als arbiträr, aber dennoch exemplarisch, weil sie "zentrale Konzepte der Empfindsamkeit nicht nur thematisieren sondern allererst in Szene setzen" (S.12). Dennoch stellt sich hier die Frage, inwieweit die Ergebnisse der Arbeit bei dieser Auswahl der Untersuchungsgegenstände gender-spezifisch sind und womöglich nicht auf die empfindsame Briefkultur im allgemeinen ausgedehnt werden können (zumal Reinlein ihre Ergebnisse hauptsächlich aus den Schreiben der Briefpartnerinnen destilliert; daß sich der Briefwechsel zwischen Louise Gottsched und Dorothea von Runckel zudem als ergiebiger erweist als derjenige zwischen der Gottschedin und ihrem späteren Mann, macht die zuvor aufgeworfene Frage nur evidenter). Die Einbeziehung von Männerbriefwechseln – Gellerts Korrespondenzen beispielsweise bieten hier einen reichhaltigen Fundus – hätten die Arbeitsergebnisse in die ein oder andere Richtung noch absichern können. Natürlich ergibt die Auswahl der Briefcorpora durchaus Sinn, ist aber keineswegs beliebig (und hätte näher ausgeführt sowie auf die Frage nach der Verallgemeinerung überprüft werden sollen):

  1. Sozialpsychologisch gesehen sind es gerade die Frauen, die, nach der tradierten Rollenzuschreibung der häuslichen Sphäre verhaftet, gerade deshalb weitgehend identitätslos sind und somit zu allererst nach Identitätsbildung streben. Männer schaffen sich per se Identitäten: im Beruf, durch die Teilnahme an Diskursen, von denen Frauen ausgeklammert sind (Stichwort >Gelehrsamkeit<), oder gerade Dichter durch ihr Oeuvre, das ihnen zumindest potentiell Raum zu literarisch erschriebenen Identitäten bietet.
  2. Da >Natürlichkeit< im brieflichen Ausdruck gerade Frauen zugeschrieben wird, nutzen diese den hier eröffneten Freiraum und etablieren performative Gesten als Natürlichkeit. Gefördert wird dies – ohne daß hier patriarchalischen Ausgrenzungsmechanismen das Wort geredet werden soll – durch den Umstand, daß Frauen von bestimmten diskursiven Diskussionen im Brief ausgeschlossen sind, wodurch der briefliche Austausch nicht von vornherein durch Themen festgelegt ist, die für inszenatorische Spielarten tendenziell ungeeignet sind.

Inszenierte Erotik

Auch wenn Gottsched nicht als klassischer Vertreter der Empfindsamkeit gilt, markiert die Korrespondenz zwischen Gottsched und seiner Frau sowie deren Briefwechsel mit Dorothea von Runckel laut Reinlein "den Beginn einer >neuen< Schreibart" (S. 12), wie er später von Gellert in seiner Brieftheorie gefordert werden wird. 2 Die inszenatorischen Aspekte werden im Briefwechsel der Louise Gottsched insofern deutlich, als die Briefe an ihren späteren Gatten verglichen mit den Schreiben an ihre Freundin von Runckel deutliche Unterschiede in Themenauswahl sowie Briefstil aufweisen und damit die Identitäten in Abhängigkeit vom Rezipienten neu und jeweils anders erschrieben werden. In diesem Zusammenhang spielen auch die Vorreden der dreigeteilten Briefausgabe, 3 von Dorothea von Runckel als Herausgeberin verfaßt, eine wesentliche Rolle: Als "Paratexte" (S. 88) steuern sie die Rezeption der Briefe und zeichnen für die drei Teile jeweils unterschiedliche, stilisierte Bilder der Briefschreiberin.

Der von Freundschafts- und Liebesdiskursen bestimmte Briefwechsel wird von Louise Gottsched dazu genutzt, ihren späteren Mann zu veranlassen, ihr gegenüber die Mentorrolle zu übernehmen. Damit erreicht sie quasi seine Billigung ihrer Bildungsbestrebungen und somit die Möglichkeit, "in einen abgemilderten gelehrten Diskurs einzutreten" (S. 97) sowie "an einem gelehrten Leben teilzunehmen" (S. 97), wobei sie "gleichzeitig ihre >Einsicht< in die Notwendigkeit der Rollenzuteilung" (S. 101) demonstriert. Die Inszenierung des Ich erweist sich hier als durchaus zweckorientiert und kommt der Insinuation der Brieflehren des 16. und 17. Jahrhunderts nahe. Auch Emotionalität wird in den Briefen inszeniert, welche sich in den thematisierten Unstimmigkeiten ausdrückt, als die Gottschedin über Gerüchte bezüglich des Lebenswandels ihres Mannes erfährt.

In den Briefen, die die Gottschedin mit ihrer lebenslangen Freundin von Runckel wechselt, wird ein Gefühlsraum inszeniert, in welchem die Schreiberin ihre Freundschaft zu von Runckel als Leidenschaft stilisiert. Das geht soweit, daß es zu mannigfaltigen erotischen Anspielungen kommt, wobei die Etablierung der erotischen Beziehung "das Produkt der brieflichen Kommunikation ist und auch nur ausschließlich im Medium Brief aufrecht erhalten wird" (S. 109) – und somit Inszenierung ist. Hier kommt die Kommunikationssituation, die das Medium Brief schafft, ausgesprochen augenfällig zum Tragen:

Die Entfernung, die zwischen den Kommunikanten liegt, ist gleichzeitig der Garant für Nähe. Daraus ergibt sich die paradoxe Situation, daß die Entfernung sowohl Bedingung der Nähe als auch beklagter Zustand ist. (S. 110)

Und auch diese Klage wiederum ist Inszenierung, womit sich das Paradoxon auflöst: Wissen die Briefschreiber doch, daß in einer oralen Auge-in-Auge-Gesprächssituation viele Themen und Topoi unaussprechlich wären.

Maskierte Liebe

Der Briefwechsel zwischen Johann Wilhelm Ludwig Gleim und Anna Louisa Karsch erweist sich nach Reinleins Analysen als "Versuch, einen gemeinsamen Kommunikationscode zu etablieren, der in seinen Grundstrukturen auf das gleiche Signifikat verweist" (S. 129). Gemeint ist, daß die Freundschaftsbezeugungen beider jeweils Unterschiedliches implizieren: Während Karsch sie als Andeutungen ihrer Liebe zu Gleim formuliert, verfolgt Gleim in seinen tändelnden Freundschaftsbekundungen den spielerischen anakreontischen Diskurs, wie er dies übersteigert beispielsweise ebenso in seinem Briefwechsel mit Johann Georg Jacobi pflegt. "Das Ringen um ein gemeinsames Verständnis [...] wird somit zu einem Hauptverhandlungspunkt der beiden Briefpartner" (S. 129). Dieses Ringen wird literarisch variiert, denn Karsch funktionalisiert "Literatur, in diesem Fall den anakreontischen Diskurs, als Möglichkeit, ihre Gefühle zu modellieren. Zum anderen dürfen Ihre Briefe selbst als Literatur gewertet werden, da sie innerhalb ihres Bezugssystems mit gängigen, literarischen Möglichkeiten spielen" (S. 131). Erst später, als sich "beide Kommunikanten innerhalb des gleichen Bezugsrahmens >Freundschaft< wissen, kann ein etwaiger Einbruch sinnlicher Liebe negiert werden" (S. 135).

Wo Liebe auf den Plan tritt, muß sie maskiert werden; nach Reinlein geschieht dies unter anderem durch die Einnahme verschiedener Rollen, wie sie sich aus der Annahme von bukolischen Namen durch die Briefpartner ergeben. Dies erweist sich als weitere Spielart der "mannigfaltigen Inszenierungen der Beziehung zwischen Karsch und Gleim" (S. 141) und läßt "den Fiktionscharakter der eingenommenen brieflichen Identität erneut sichtbar werden" (S. 12). Dabei zeigt sich, daß die Rollenspiele, die "Maskierungen" (S. 142) der beiden Briefpartner, durchaus von anderer Qualität sind, als jene innerhalb des Gleimkreises üblichen, weil sie nicht nur "die Komplexität ihrer Beziehung erhöh[en]" (S. 143):

Der Hauptunterschied liegt jedoch in der Handhabung der Rollencharaktere. So ist keineswegs gesichert, welche Eigenschaften mit dem jeweiligen Namen verbunden werden (dürfen). Vielmehr zeigt sich, daß gerade die Erweiterung der Rollengrenzen zu einem unterschwelligen Hauptverhandlungspunkt des Briefwechsels wird [...] (S. 143)

Die Mißverständnisse der Briefpartner entstehen deshalb, weil Gleim den Liebesdiskurs lediglich als Möglichkeit der Inszenierung im Brief zuläßt. Im direkten persönlichen Kontakt würde diese Inszenierung aufbrechen, weshalb Gleim an einem Treffen mit Karsch augenfälliges Desinteresse zeigt. Insofern eröffnet die "Nichtpräsenz des Körpers [...] einen Freiraum, der durch die Schrift gefüllt wird. Literalität wird somit zur einzigen Möglichkeit eines Liebesdiskurses zwischen Karsch und Gleim. Die Anwesenheit der Körper – ein distinktives Merkmal der Oralität – hingegen verwehrt diesen illusionären Ausweg" (S. 133).

Deutlich wird das, als es im Februar 1762 doch noch zu einem persönlichen Treffen von Gleim und Karsch kommt, nachdem letztere vehement darauf insistiert hat: "[D]iese Episode [muß] als Bruch in der Beziehung zwischen beiden gewertet werden" (S. 133), denn offensichtlich hat "das Spiel ihrer Kommunikation um den Preis der Nichtpräsenz" (S. 132) durch das Treffen seine Voraussetzungen eingebüßt: Briefe nach 1762 scheinen demzufolge für die Fragestellung der Untersuchung unergiebig, denn Reinlein berücksichtigt sie nur sporadisch, obwohl der Briefwechsel bis 1791 geführt wird.

Konstruierte Identität

Im Briefwechsel zwischen Lucius und Gellert wird das Moment der erschriebenen Identität überdeutlich postuliert. Reinlein interpretiert diesen Briefwechsel als "Konstruktionsort einer erkenn- und wahrnehmbaren weiblichen Identität über den Umweg des Natürlichkeitsdiskurses" (S. 12), als Möglichkeit für die Lucius, "außerhalb ihres beschränkten Lebensraumes als Person im Medium Schrift zu erscheinen" (S. 13). Damit arbeitet die Verfasserin deutlich die Verbindung zwischen Briefschreiben und Identitätsstiftung heraus: "Mittels ihrer Briefe generiert sie [Lucius] sich als Person, die wiederum vor allem durch ihre Briefe besteht" (S. 165). Dabei ist es durchaus auffällig, daß gerade Gellert, der die Selbstinszenierung in seinen Korrespondenzen meisterhaft beherrscht und damit wesentlich sein öffentlich wahrgenommenes Bild bestimmt, "die Person Lucius mit ihren Briefen gleichsetzt und das identitätskonstruierende Potential des Mediums vollständig ausblendet" (S. 176). Für Lucius dagegen "sind ihre Briefe Medium spielerischen Umgangs mit den vorgefundenen Bedingungen ihres Lebens. In ihnen gibt nicht sie sich zu erkennen, sondern zeichnet einen Entwurf, den sie ihrem Gegenüber vermitteln will" (S. 176).

Deutlich entlarvt Reinlein den seit der Antike tradierten Topos des >Briefes als Spiegel der Seele< 4 und das Natürlichkeitspostulat der Brieflehren seit Gellert als Utopie: Gerade Lucius gestaltet ihre Briefe bewußt, indem sie das Wohlwollen Gellerts hinsichtlich des Geschriebenen antizipiert, wie sie selbst im Briefwechsel offenbart: "Nun will ich mich bey ieder Gelegenheit fragen: wird auch die Handlung, die Rede, der Gedanke, der Vorsatz, das Wohlwollen rechtfertigen, deßen mich zu würdigen, einer von den besten Männern in der Welt sich herabläßt?" 5 So erweist sich die allerorten proklamierte Natürlichkeit in den empfindsamen Briefen als inszeniert, mehr noch: In den Briefen strebt nicht das reale Ich nach Ausdruck, sondern ein konstruiertes, nämlich das den Wünschen des Korrespondenzpartners entsprechend antizipierte. Dies ist eine Spielart des "erwachenden psychologischen Bedürfnis nach Selbstthematisierung" (S. 172), andere wiederum werden geprägt durch "die der Schrift geschuldete mögliche Distanznahme zur eigenen Person" (S. 191), wodurch "das Innovationspotential alternierender Selbst- und Lebensentwürfe aktiviert" (S. 191) wird. Dies strebt in Richtung Rollenspiel, wobei der Brief die Möglichkeit "medialen Probehandelns" (S. 191) bietet: Konstruierte Identitäten können so lange optimiert werden, bis sie einem konsensuellen Verständnis der Briefpartner entsprechen.

Erschriebene Ehe

Der Briefwechsel zwischen Meta Moller und Friedrich Gottlieb Klopstock thematisiert eine Liebesbeziehung und führt – durch Meta Moller initiiert – letztlich zur Eheschließung beider. Klopstock ist das Paradebeispiel für die Gleichsetzung des Autors mit seinem Werk: Auch Meta Moller brennt leidenschaftlich darauf, den Verfasser des Messias kennenzulernen, da sie Werk und persönliche Disposition des Autors gleichsetzt: "Hinter dem von ihm geschaffenen Schriftsystem erwartet sie einen Autor, der persönlich verkörpert, was das Werk zu versprechen scheint" (S. 207), womit "die Wichtigkeit, die der Beziehung zwischen Schrift und Subjekt anhaftet" (S. 207), betont ist. Es liegt nahe, daß Meta Moller diese intuitiv erfaßte Beziehung auf das eigene Schreiben überträgt, wodurch den Inszenierungen der Weg geebnet ist. Gerade Lektüreerfahrungen und Identifikationsversuche mit literarischen Figuren befördern inszenatorische Haltungen: Reinlein bezeichnet diese Lektüretexte – Clarissa von Samuel Richardson etwa – , auf die sich die Briefschreiber berufen, als "Intertexte" (S. 226), deren Rekurrierung belege, "welch enge Verbindung zwischen literarischer Vorlage und erschriebener Identität besteht" (S. 226). Auch Moller setzt in ihren Briefen ">Natürlichkeit< als Effekt ein" (S. 217) und "weiß mit der Literalisierung ihres Denkens zu spielen" (S. 217), was die "Konstruktionsarbeit" (S. 218), die in ihren Briefen steckt, deutlich hervorhebt. Dennoch stoßen die Inszenierung da an Grenzen, wo Schrift als defizitär und limitiert erfahren wird:

Trotz der souveränen Beherrschung des Mediums Schrift und ihrer Bemühungen, die Grenzen der Schrift zu erweitern, erkennen sowohl Klopstock als auch Moller die Begrenztheit einer reinen Schriftsprache. Häufigster Klagepunkt ist die mangelnde Übereinstimmung zwischen Gefühl und dessen Übereinstimmung in Schrift. (S. 218)

Anders als bei Karsch und Gleim, bei denen die Abwesenheit des Körpers unbedingte Voraussetzung für die konstruierten Identitäten ist, ergeben gerade die Zeiten des Zusammenseins von Moller und Klopstock mannigfaltige Reflexionsmöglichkeiten, indem durch die "nachdrückliche Integration des Körpers in Diskussionen" (S. 222) der Liebesdiskurs der Empfindsamkeit erweitert wird: "Was als Prämisse der Kulturleistung Schrift inhärent ist – die Abwesenheit des Körpers –[,] erweist sich im Briefwechsel Klopstock Moller als umkehrbar: Hier wird die körperlose Schrift gleichzeitig zum Garanten für den gelungenen Einschluß des Körpers" (S. 223).

Die empfindsame Inszenierung innerhalb des Briefwechsel setzt sich selbst nach dem Tod von Meta Moller 1758 auf anderer Ebene fort, und zwar in der Inszenierung der Trauer und des Memorierens der Verstorbenen durch Klopstock in den von ihm herausgegebenen Hinterlaßnen Schriften seiner Frau: Hier erweisen sich die "Ausführungen über den Tod seiner Frau vor allem als literarischer Darbietungen" (S. 231). Wer hier allerdings Gefühl- oder Pietätlosigkeit unterstellt, hat Reinleins Untersuchung nicht verstanden: Es geht letztlich um Inszenierungserfordernisse, welche Medien und antizipierten Rezeptionshaltungen immanent sind.

Fazit

Auf hohem Theoretisierungs- und Problematisierungsniveau gelingt Reinlein eine Untersuchung mit bemerkenswerten Ergebnissen. Deutlich arbeitet sie heraus, daß die vielbeschworene Natürlichkeit des empfindsamen Briefs inszeniert ist: Gelten für den Brief die Gesetzmäßigkeiten der Oralität naturgemäß nicht, so lebt er gerade davon, daß er sämtliche Varianten der Literalität ermöglicht – genaue Abwägung der Wortwahl, Korrektur- und Überarbeitungsmöglichkeiten bis hin zur Reinschrift des Briefes nach zahllosen Korrekturgängen, – um Spontaneität, >vom Herzen direkt in die Feder<, 6 und Individualität zu suggerieren. Die empfindsame Briefkultur erweist sich als Ort, in dem sich die Briefschreiber selbst inszenieren, in dem sie sich Identitäten erschreiben, wobei deutlich und durchaus kreativ der Variantenreichtum der eigenen Ausdrucksfähigkeit erprobt und die Grenzen von Sprache als Mittel zur Ich-Äußerung ausgemessen werden. Es ist erfreulich zu sehen, wie methodische Verfahren aus anderen Disziplinen auch für literaturwissenschaftlich orientierte Untersuchungen fruchtbar gemacht werden können. Kleinere Schwächen – beispielsweise die eingangs monierten fehlenden Selektionskriterien für die untersuchten Korrespondenzen oder der etwas lang geratene Überblick zur Epistolartheorie des 15. bis 17. Jahrhunderts (S. 62–77), der im Ergebnis mittlerweile in vielen Studien referiert wurde – schmälern indes nicht die Qualität einer Arbeit, deren Wert weniger in einem plakativen Gesamtergebnis liegt, sondern vielmehr in der Fülle der zu Tage geförderten Einzelergebnisse.


Dr. Rafael Arto-Haumacher
Kuntzestraße 76
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Ins Netz gestellt am 22.12.2003
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Diese Rezension wurde betreut von unserem Fachreferenten PD Dr. Sibylle Schönborn. Sie finden den Text auch angezeigt im Portal Lirez – Literaturwissenschaftliche Rezensionen.

Redaktionell betreut wurde diese Rezension von Karoline Hornik.


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Anmerkungen

1 So die Leitthese von Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts. München: Fink 1999.
Vergleiche die Rezension von Sybille Schönborn auf IASLonline:
http://iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/schoenb.html.   zurück

2 Vgl. die brieftheoretischen Ausführungen Gellerts in: Christian Fürchtegott Gellert: Gesammelte Schriften. Band IV. Roman, Briefsteller. Hg. von Bernd Witte u. a. Berlin, New York: de Gruyter 1989. S. 99–221.   zurück

3 Die von Dorothea von Runckel in den Jahren 1771 / 72 edierte Briefausgabe liegt als Leseausgabe vor: Louise Gottsched – "mit der Feder in der Hand". Briefe aus den Jahren 1730–1762. Hg. v. Inka Kording. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1999.   zurück

4 Wolfgang G. Müller: Der Brief als Spiegel der Seele. Zur Geschichte eines Topos der Epistolartheorie von der Antike bis zu Samuel Richardson. In: Antike und Abendland 26 (1980). S.138–157.   zurück

5 Lucius an Gellert, 28.10.1760. In: Christian Fürchtegott Gellert: C. F. Gellerts Briefwechsel. Band III (1760–1763). Hg. v. John F. Reynolds. Berlin, New York: de Gruyter 1991. S. 64.   zurück

6 Nach: Diethelm Brüggemann: Vom Herzen direkt in die Feder. Die Deutschen in ihren Briefstellern. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1968.   zurück