IASLonline


Torsten Pflugmacher

Poetik und Praxis der
literarischen Beschreibung.
Metaphorische Fallen trüben das Bild

  • Monika Mayr: Ut pictura descriptio? Poetik und Praxis künstlerischer Beschreibung bei Flaubert, Proust, Belyj, Simon. Tübingen: Gunter Narr 2001. 614 / XIV S. Tafelteil: 155 z.T. farbige Abb. Kart. EUR (D) 149,-.
    ISBN 3-8233-5863-4.


In der Literaturkritik wird die Beschreibung bis heute entweder als besonderer Beitrag zur Langeweile eines Romans abgewertet oder umgekehrt als Auszeichnung meisterhafter Autorschaft verstanden. Vertreter der Rhetorik behaupten ihre Formlosigkeit 1 und wollen die damit gemeinte Tendenz der Beschreibung zur Ausuferung mit Hilfe von rigiden Gestaltungsnormen unter Kontrolle bringen. Das 19. Jahrhundert kennt die Beschreibung vor allem als mimetische Hintergrundgestaltung der stattfindenden Ereignisse, teilweise mit vorausdeutendem Charakter. Welchen Beitrag leistet die Beschreibung aber im Rahmen der ästhetischen Moderne im 20. Jahrhundert? Einzelne Beiträge liegen vor allem zu Marcel Proust 2 und Claude Simon 3 vor, ansonsten ist hierzulande wenig theoretisches Interesse an der literarischen Beschreibung vorhanden, wenn man von verwandten Themen wie >Laokoondiskussion< und der Frage nach Wahrnehmung im Roman einmal absieht.

Die Analyse von Beschreibungen setzt ein "textnahes Lesen" 4 voraus, eine gesteigerte Aufmerksamkeit für die sprachliche Materialität der im Text entworfenen Welt, die eher in der Gedichtanalyse ihren Platz hat. Nur sind Prosatexte meist deutlich länger als Lyrik. Vielleicht liegt es daran, daß in der deutschsprachigen Literaturwissenschaft Publikationen zur Beschreibung äußerst selten sind, von Beiträgen zur Theoriebildung und der Beschreibungsgeschichte ganz zu schweigen. Dies wird den Kollegen französischer 5 , israelischer 6 und angloamerikanischer 7 Provenienz überlassen, die sich seit den siebziger Jahren vermehrt dem ausgegrenzten >Anderen< der Erzähltextanalyse zugewendet haben.

Bildgattungen als Vorbilder für literarische Beschreibungen

Monika Mayr hat mit ihrer sechshundertseitigen (!) Dissertation nun eine vergleichende >Magnographie< zur Poetik und Geschichte der Beschreibung vorgelegt, die einige Lücken in der hiesigen Beschreibungsforschung schließen soll. Sie will einerseits wissen, ob die Schriftsteller sich an Gestaltungsprinzipien der Malerei orientieren, und andererseits "die sprachlichen Mittel offen[...]legen, die die visuelle als tragende Dimension der Beschreibung konstituieren." (S. 2)

Mayr verwendet einen "Kanon" ikonographischer Kategorien als Instrumentarium, um in den Texten Korrespondenzen mit Gestaltungsmerkmalen der bildenden Kunst festzustellen. Überzeitliche Parallelen oder generelle Unmöglichkeiten bei der Transposition von Bildern und Texten sind damit nicht gemeint. Der "Kanon von Gestaltungsprinzipien" (S. 2) künstlerischer Bildgestaltung erscheint ihr vielmehr als ein Potential, welches historisch unterschiedlich ausgeschöpft wird. Gemeint sind die Kategorien Perspektive, Umriß, Proportion, Bewegung, Anatomie, Komposition, Licht und Schatten, Farbe sowie Stofflichkeit. Daneben wählt Mayr Klassizismus, Impressionismus, Moderne und Postmoderne als Stil-Epochen, die sie als Abfolge in den Beschreibungen aus Gustave Flauberts "Salammbô", Marcel Prousts "Im Schatten junger Mädchenblüte", Andrej Belyjs "Kotik Letaev" sowie Claude Simons "Anschauungsunterricht" wiederfinden will.

Das Fehlen eines historischen Verständnisses von Beschreibung wirft Mayr in einem etwas zu kurz geratenen Forschungsbericht der Beschreibungstheorie vor. Berechtigt ist ihr Hinweis, daß diese Theorie hauptsächlich an Romanen des 19. Jahrhunderts entwickelt worden ist, wodurch der Blick beispielsweise auf deskriptive "Unbestimmtheiten" (S. 24) verdeckt wird. Daß Beschreibungsforscher mittlerweile vorsichtiger von "descriptiveness" oder "descriptif" – ins Deutsche kaum übersetzbare Begriffe – sprechen, um reduzierende Definitionen zu vermeiden, entgeht Mayr in ihrer Kritik allerdings. Vernachlässigt werden auch die einzigen komparatistischen Studien zur Beschreibung von Elrud Ibsch 8 und José Manuel Lopes.

Breiten Raum nimmt dagegen die Einführung in bildkünstlerische Gestaltungsmittel und Gattungsgeschichte ein. In diesem System werden die später analysierten Beschreibungen verortet. Als überaus explizite und wiederholende Darstellung kunstgeschichtlicher Grundlagen stellt dieser Abschnitt eine Überfrachtung der Forschungsarbeit mit (unhinterfragtem) Lehrbuchwissen dar, der deutlich kürzer hätte ausfallen können: Immerhin gibt es Dissertationen, die nach zweihundert Seiten zu einem Schluß kommen – schon der kursorische kunstästhetische Teil inklusive der über einhundert Bildbeispiele und einer "Evolution der Gestaltungsmittel" und "Gattungen" ist bei Mayr länger. Der durch die teuren Reproduktionsrechte enorm hohe Preis schadet darüber hinaus der Verbreitung dieser methodisch innovativen Arbeit.

Empirische Analyse

Im "empirischen Teil" werden exemplarisch Beschreibungen (meist vier oder fünf) aus den genannten Romanen schrittweise entlang der erwähnten Kategorien analysiert, wofür jeweils exemplarisch vier oder fünf Beschreibungspassagen aus einem Roman gewählt werden: Knapp 15 Seiten Romantext liegen der Untersuchung insgesamt zugrunde.

Die Personenbeschreibungen in Flauberts "Salammbô" entsprechen einer klassizistischen Auffassung: Individuelle Eigenheiten der Personen werden kaum genannt, die mit der >ordo naturalis< übereinstimmenden Körperbereiche sind keiner detaillierten Beschreibung wert. Salammbô besitzt einen symbolischen Körper: "die Unmarkiertheit von Salammbos Gesicht ist eine logische Folge der Kollektivwarte" (S. 167). Dazu paßt, daß die Gegenstände, mit denen die Figur geschmückt ist (Perlen, Lyra, Mantel), ebenfalls symbolisch codiert sind. Interessant wird diese Analyse, weil Mayr auch jenseits der semantischen Ebene ästhetische Strukturen sucht. Die Verwendung von Pluralformen wird als Steigerung der Fülle (S. 187) interpretiert. Darüber hinaus findet sie eine Äquivalenz zwischen den zu imaginierenden Lichtverhältnissen und den Verteilungen heller bzw. dunkler Vokale im Beschreibungstext. Selbst die Silbenzahlen in den Sätzen repräsentieren die klassischen Verhältnisse des goldenen Schnitts.

Prousts Beschreibungen werden parallel zur impressionistischen Malerei gelesen. Der impressionistische Gegenstand läßt sich nicht genau bestimmen, seine flächenhafte Darstellung ist ein Spiel des Lichts und der Farben als Reproduktion einer momenthaften Wahrnehmung. Wie läßt sich dies literarisch übersetzen?

Da die Sprache auf der Lexemebene arm ist an Ausdrucksmöglichkeiten für feine Tonunterschiede, wird auch in dieser Beschreibung die phonologische Ebene zur Steigerung heller Nuancen herangezogen, mit der die Helligkeitssemantik unterstützt [...] wird. (S. 246)

Mayr kann an zahlreichen Passagen auffällige Assonanzen feststellen, "die unterhalb der Wortebene den Text als kompositionelles Gefüge vernetzen." (S. 243). Ihr Interpretationsradius ist diesbezüglich allerdings recht großzügig bemessen, wenn beispielsweise in der Beschreibung eines Blickes aus einem Zugfenster heraus von "monokulare[m] O-Vokalismus" (S. 235) gesprochen wird. Daneben meint Mayr vor allem die fehlende Perspektivierung, widersprüchliche Mehrfachbenennung eines Objekts und die Verkettung von Metaphern aus verschiedenen Bedeutungsbereichen, wodurch eine präzise Vorstellung des Objektes "verunklärt" (S. 439) und eine wortreiche Unbestimmtheit der Beschreibung generiert wird.

Belyis "Kotik Letaev" liegt der Verfasserin besonders am Herzen, findet sie dort doch ansatzweise gegenstandslose Beschreibungen. Gegenstandslos sind diese, insofern sie unter anderem "Augenfrottagen" (S. 399), "Tränenschleieransichten" (S. 317) und "Schielperspektiven" (S. 317) eines kleinen Jungen wiedergeben, sprich den bunten Effekt vom Augenreiben und -drücken beispielsweise als Kippen der Wände thematisieren. Belyis Erzähler versucht, die Erlebnisperspektive des noch sprachfernen Kindes von seiner Erwachsenenperspektive frei zu halten. Der Junge verfügt aber bislang über keine adäquate Sprache für seine Wahrnehmungen, so daß die erwähnten Formen "weder als Gegenstände referentiell benannt noch metaphorisch umschrieben werden können". (S. 321) Wieder ist es die Form, welche den besonderen Effekt wiedergibt: Reduplikationen der Syntax und Fragmentarisierung dienen in den ungegenständlichen Beschreibungen als Mittel der Ikonisierung.

Postmoderne Beschreibung ist für Mayr nicht durch Totalabstraktion im Sinne von Referenzlosigkeit gekennzeichnet. Es sind bei Claude Simon die Objekte selbst, die als funktionsloses, "entsemiotisiertes Zeichenmaterial" (S. 407) die Beschreibung bilden. Sprachlich kann die Defunktionalisierung nur sekundär als Auflösung der Referenz imitiert werden, indem etwa mehrere konkurrierende Benennungen für ein Objekt erfolgen. Gleiches wird erzielt, wenn umgekehrt eine Benennung mehrere mögliche Objekte bezeichnet oder nicht genau klärbar ist, ob ein Begriff referentiell oder metaphorisch verwendet wird. Imagination wird behindert, da die Gegenstände in keiner Anordnung zueinander stehen, der Beobachter nicht genannt wird und keine Perspektive rekonstruierbar ist.

Als Beschreibungs-Readymades eigener Art erscheinen bei Simon Bildlegenden mit ehemals didaktischer Funktion, die einen Herstellungsprozeß schildern. Da hier Bewegungen ungenau und damit nicht nachvollziehbar beschrieben und darüber hinaus die Nachteile der benannten Materialien betont werden, sind diese Beschreibungsstücke funktionslos geworden. Etwas vorschnell zieht Mayr an anderer Stelle eine Parallele zu bestimmten ästhetischen Verfahren der Postmoderne wie der "Décollage", nur weil ein Raum beschrieben wird, in dem die Tapeten herabhängen, nackte Wände erwähnt werden und Materialien verstreut herumliegen. Die Anspielung mag klar sein, doch in der Beschreibung selbst ist keine formale Übersetzung des künstlerischen Verfahrens zu finden.

"Polemik gegen die Spiegel"

Die von Mayr herausgearbeitete Nähe der literarischen Beschreibungen zu den jeweiligen Strömungen bildender Kunst ist dennoch oftmals erstaunlich. Suggestive Sprachformen, welche die Verfasserin benutzt, um das Primat der Visualität in den Beschreibungen zu unterstreichen, trüben allerdings ihre Argumentation. Was ist davon zu halten, "daß das Sehen in Metaphern zerfällt und eine Fülle sinnlicher Nuancen den Gegenstandsbegriff überwuchern und aufweichen" (S. 218), oder wenn Mayr von der quasi-kristalline[n] Disziplin ternärer Syntax" (S. 202) spricht? Immer wieder läuft sie in die >metaphorische Falle< (Ricardou), weil sie nachzuweisende Effekte der Objektsprache metasprachlich insinuiert.

Mit ihren Analysen zeigt Mayr deutlich, wie hochgradig konstruiert moderne literarische Beschreibungen sind. Sie widerlegt eindrucksvoll die sattsam bekannten und hartnäckigen Mimesiskonzepte von Literatur als Spiegel der Welt. Bisweilen scheint es aber, als tausche sie nur das Objekt aus, so daß die Beschreibungen nicht Gegenstände, sondern gemalte Gegenstände wiedergeben sollen, ohne daß dies in der Beschreibung selbst deutlich wird. Man könnte diese Lesart als Sekundärmimetismus bezeichnen. Wäre es nicht plausibler, die "zum Kulturwissen geronnenen Klischees, die keiner sinnlichen Anschaulichkeit der Sprache mehr bedurften" (S. 140) – gemeint sind die rhetorischen Topoi wie der >locus amoenus< – als Begriff wieder einzuführen, anstelle wie Mayr einerseits zu behaupten, daß ohne "bildliche Vorstellung [...] Beschreibung nicht ästhetisch empfunden und erfahren werden" (S. 2) kann und andererseits dann nachzuweisen, daß die bildliche Vorstellungskraft in der Literatur schon bei Proust und Belyi, vor allem aber von Simon dekonstruiert wird?

Immer wieder verliert die Verfasserin zumindest hinsichtlich ihres Beweisziels, dem Vorbild künstlerischer Darstellung für literarische Beschreibung, die Stringenz oder vergreift sich in der Sprache. Nur so kann sie feststellen, daß im Anschauungsunterricht ohne subjektive Beobachterperspektive beschrieben wird, aber wenige Seiten weiter der "Blick [...] auf den Boden" (S. 410) fällt oder "genaue Beschreibung extreme Nahsicht verrät" (S. 411).

Fazit

Mayr weist nach, daß Beschreibungen als Eckpunkte literarischer Modernität aufgefaßt werden können. Diese plausible Feststellung positioniert ihre Arbeit innerhalb der Romantheorie. Mit der methodisch innovativen, bisweilen starren Anlehnung an die Kunstwissenschaft schließt sie auch eine Lücke in der bisherigen Forschung.

Die Form ihrer Darstellung – nicht der Analyse selbst – macht die Arbeit aber insgesamt schwer lesbar. An die Stelle der kunstwissenschaftlichen Kapitel, die man ob ihres Umfangs nicht mehr >Exkurse< nennen kann, hätten mehr Synthesen ihrer akribisch vorgeführten Textanalysen treten müssen. Insofern mag diese komparatistische Studie den Kunstwissenschaftlern aufzeigen, daß ihre Kategorien auch mit anderen Objekten funktionieren. Literaturwissenschaftler, denen die kunstwissenschaftlichen Darstellungen wohl zugedacht sind, werden sich stark gekürzte Auskoppelungen vom "empirischen Teil" wünschen.


Torsten Pflugmacher
Universität Essen
Fachbereich 3 Sprach- und Literaturwissenschaften
D-45141 Essen

E-Mail mit vordefiniertem Nachrichtentext senden:

Ins Netz gestellt am 25.11.2002
IASLonline

Copyright © by the author. All rights reserved.
This work may be copied for non-profit educational use if proper credit is given to the author and IASLonline.
For other permission, please contact IASLonline.

Diese Rezension wurde betreut von der Redaktion IASLonline. Sie finden den Text auch angezeigt im Portal Lirez – Literaturwissenschaftliche Rezensionen.

Redaktionell betreut wurde diese Rezension von Katrin Fischer.


Weitere Rezensionen stehen auf der Liste neuer Rezensionen und geordnet nach

zur Verfügung.

Möchten Sie zu dieser Rezension Stellung nehmen? Oder selbst für IASLonline rezensieren? Bitte informieren Sie sich hier!


[ Home | Anfang | zurück ]



Anmerkungen

1 Vgl. diverse Positionen in der Anthologie von Philippe Hamon (Hg.): La Description littéraire. De l'Antiquité à Roland Barthes: une anthologie. Paris: Macula 1991.   zurück

2 Vgl. Angelika Corbineau-Hoffmann: Beschreibung als Verfahren. Die Ästhetik des Objekts im Werk Marcel Prousts. Stuttgart: Metzler 1980.   zurück

3 Vgl. Beeker Dummer: Von der Narration zur Deskription. Generative Textkonstitution bei Jean Ricardou, Claude Simon und Philippe Sollers. Amsterdam: Grüner 1988.   zurück

4 Vgl. Elisabeth K. Paefgen: Textnahes Lesen. Sechs Thesen aus didaktischer Perspektive. In: Belgrad, Jürgen; Karlheinz Fingerhut (Hg.): Textnahes Lesen. Annäherung an Literatur im Unterricht. Baltmannsweiler: Schneider 1998, S. 14–23.   zurück

5 Vgl. Philippe Hamon: Du descriptif. Paris: Hachette 1993; Jean-Michel Adam: La description. Paris: Presses Universitaires de France 1993.   zurück

6 Beiträge sind unregelmäßig in der Zeitschrift "Poetics Today" zu finden.   zurück

7 Vgl. Seymour Chatman: Coming to Terms. The Rhetoric of Narrative in Fiction and Film. Ithaca: Cornell University Press 1990; José Manuel Lopes: Foregrounded Description in Prose Fiction. Five Cross-Literary Studies. Toronto: University of Toronto Press 1995.   zurück

8 Elrud Ibsch: Historical Changes of the Function of Spatial Description in Literary Texts. In: Poetics Today 3 (1982), S. 97–113.   zurück